Wie Evolution, Pflanzen, Läuse und Bienen gemeinsam Honig hervorbrachten

Ein Glas Honig wirkt zunächst erstaunlich schlicht. Eine goldene, bernsteinfarbene oder dunkelbraune Masse, süß, klebrig und hauptsächlich aus verschiedenen Zuckerarten bestehend. Vielleicht steht auf dem Etikett Akazienhonig, Lindenhonig, Waldhonig oder Tannenhonig. Manche Honige bleiben jahrelang flüssig, andere werden fest, wieder andere werden vom Imker bewusst cremig gerührt.

Doch verfolgt man einen einzigen Löffel Honig rückwärts, führt seine Geschichte erstaunlich weit.

Sie beginnt nicht beim Imker. Auch nicht bei der Honigbiene. Und streng genommen nicht einmal bei der ersten Blüte.

Um zu verstehen, wie Honig entstehen konnte, müssen wir zuerst ein grundlegendes Problem der Pflanzen lösen: Wie pflanzt man sich fort und verbreitet seine Nachkommen, wenn man selbst keinen Schritt gehen kann?

Die Antwort darauf führte im Laufe der Evolution zu Pollen, Samen und immer ausgeklügelteren Transportmethoden. Später kamen Insekten hinzu. Aus zufälligen Begegnungen entstanden Partnerschaften. Pflanzen begannen Tiere mit Nahrung anzulocken, wespenartige Jäger entwickelten sich zu Pollensammlern, und einige ihrer Nachfahren bauten schließlich hochorganisierte Staaten, in denen zehntausende Tiere gemeinsam einen haltbaren Energievorrat herstellen.

Und bei manchen Honigsorten nimmt diese Geschichte noch einen eigentümlichen Umweg: durch den Verdauungstrakt einer Laus.

Bildposition 1, Titelbild: Makroaufnahme einer Honigbiene auf einer Blüte. Alt-Text: „Westliche Honigbiene Apis mellifera beim Sammeln an einer Blüte.“

Pflanzen müssen sich fortpflanzen, obwohl sie stehen bleiben

Pflanzen sind ortsgebunden. Eine Sonnenblume kann keinen Partner aufsuchen, eine Eiche nicht einige Kilometer weiterziehen und eine Weißtanne keine günstige Stelle für ihren Nachwuchs auswählen.

Ihre Gene können sich trotzdem bewegen.

Bei Blütenpflanzen spielt dabei Pollen eine zentrale Rolle. Vereinfacht ausgedrückt trägt Pollen das männliche Fortpflanzungsmaterial einer Pflanze. Gelangt passender Pollen zu einer geeigneten Blüte derselben Art, kann eine Befruchtung stattfinden. Daraus entwickelt sich schließlich ein Samen, in dem bereits die nächste Pflanzengeneration angelegt ist.

Der Samen ist also nicht dasselbe wie Pollen. Ebenso wenig ist Pollen der Rohstoff für Honig. Diese drei Dinge werden leicht durcheinandergebracht:

Pollen dient der Fortpflanzung der Pflanze und zugleich als eiweißreiche Nahrung für Bienen. Nektar ist eine zuckerreiche Pflanzenflüssigkeit. Aus Nektar kann Honig entstehen.

Nach der Befruchtung beginnt für die Pflanze allerdings schon das nächste Problem. Der Samen sollte möglichst nicht einfach direkt unter der Mutterpflanze landen. Dort konkurriert der Keimling mit ihr und häufig mit zahlreichen Geschwistern um Licht, Wasser, Platz und Nährstoffe.

Also muss auch der Samen reisen.

Wenn Pflanzen ihre Kinder verschicken

Weil ein Samen keinen eigenen Antrieb besitzt, haben Pflanzen im Laufe der Evolution eine erstaunliche Fülle von Transportmethoden hervorgebracht. Die Fachbegriffe dafür wirken zunächst spröde, beschreiben aber sehr anschauliche Vorgänge. [1]

Bei der Anemochorie übernimmt der Wind den Transport. Das bekannteste Beispiel ist der Löwenzahn (Taraxacum officinale). Seine Samen tragen einen federleichten Haarkranz, den Pappus. Er erhöht den Luftwiderstand und lässt den Samen davonsegeln. Auch die geflügelten Früchte des Ahorns nutzen den Wind, allerdings als kleine rotierende Flugapparate.

Bei der Epizoochorie reist ein Samen außen auf einem Tier. Kletten besitzen beispielsweise Haken, die sich in Fell oder Kleidung verfangen. Das Tier wird zum unfreiwilligen Reisegefährt.

Bei der Endozoochorie befindet sich der Samen sogar zeitweise im Tier. Früchte locken Vögel oder Säugetiere mit nährstoffreichem Fruchtfleisch an. Das Tier frisst die Frucht, der widerstandsfähige Samen passiert den Verdauungstrakt und wird später an einem anderen Ort ausgeschieden.

Und dann gibt es die Hydrochorie, also Verbreitung durch Wasser. Die Kokosfrucht ist dafür ein besonders eindrückliches Beispiel. Ihre faserige Hülle macht sie schwimmfähig, während das Innere den Samen schützt. Auf diese Weise können Kokosnüsse über Wasser beträchtliche Distanzen zurücklegen.

Bildposition 2: Löwenzahnsamen im Wind. Alt-Text: „Löwenzahnsamen werden durch Wind verbreitet, ein Beispiel für Anemochorie.“

Keine Pflanze hat sich eines Tages überlegt, einen Fallschirm, Haken oder ein schwimmfähiges Transportgefäß zu bauen. Hier begegnen wir bereits dem Grundprinzip, das später auch Blüten und Bienen miteinander verknüpfen sollte.

Es gab erbliche Unterschiede zwischen Pflanzen. Einige dieser Unterschiede führten dazu, dass Samen erfolgreicher verbreitet wurden als andere. Pflanzen mit solchen Merkmalen hinterließen durchschnittlich mehr Nachkommen. Über sehr viele Generationen wurden erfolgreiche Varianten dadurch häufiger.

Das Ergebnis kann geplant aussehen, obwohl es niemals einen Plan gab.

Als Insekten zu Pollenboten wurden

Auch beim Pollen musste die Pflanze das Transportproblem lösen.

Eine sehr alte und bis heute erfolgreiche Methode ist der Wind. Windbestäubte Pflanzen produzieren häufig enorme Mengen Pollen und überlassen dessen Verteilung weitgehend der Luftbewegung.

Das funktioniert, ist aber verschwenderisch. Ein großer Teil des Pollens landet niemals dort, wo er zur Fortpflanzung beitragen kann.

Irgendwann entstand eine folgenschwere Alternative: Tiere begannen, an pflanzlichen Fortpflanzungsstrukturen Nahrung zu suchen.

Insektenbestäubung ist älter als die moderne Blüte

Man könnte sich die Geschichte so vorstellen, dass zuerst Blüten entstanden und anschließend Bienen, um sie zu bestäuben.

Die Fossilgeschichte zeichnet ein anderes Bild.

Insekten interagierten bereits mit den Fortpflanzungsorganen alter Samenpflanzen, lange bevor moderne Blütenpflanzen die Landschaften der Erde beherrschten. Fossilien zeigen, dass Insekten unter anderem Pollen und zuckerhaltige Sekrete von Gymnospermen, also älteren Samenpflanzen, nutzten. Eine aktuelle Übersichtsarbeit datiert Formen insektenvermittelter Bestäubung weit vor den Aufstieg der Angiospermen, der heutigen Blütenpflanzen. [2]

Die Tiere taten das nicht, um den Pflanzen einen Gefallen zu erweisen.

Sie wollten Nahrung.

Beim Fressen blieb jedoch Pollen an ihren Körpern hängen. Besuchten sie danach eine weitere Pflanze, konnte dieser Pollen dort wieder abgestreift werden.

Aus Sicht der Pflanze war dieser zufällige Nebeneffekt höchst nützlich.

Woher „wusste“ die Pflanze, dass Nektar Bestäuber anlockt?

Gar nicht.

Evolution besitzt keine Voraussicht.

Es gab niemals eine urzeitliche Pflanze, die angesichts ineffizienter Windbestäubung zu dem Schluss kam: „Ich brauche einen Lieferdienst. Ich bezahle Insekten künftig mit Zucker.“

Stattdessen entstehen in jeder Generation genetische Unterschiede. Gene werden neu kombiniert, und zusätzlich treten Mutationen auf, also Veränderungen des Erbguts.

Eine Mutation entsteht nicht deshalb, weil ein Organismus sie gerade benötigt.

Angenommen, einige Pflanzen produzieren aufgrund vorhandener Variation etwas mehr eines süßen oder nährstoffreichen Sekrets. Insekten besuchen sie dadurch geringfügig häufiger. Wenn diese Besucher nebenbei Pollen transportieren, können die betreffenden Pflanzen mehr erfolgreiche Nachkommen bekommen.

Ihre genetischen Varianten werden dadurch häufiger an die nächste Generation weitergegeben.

Die entscheidende Unterscheidung lautet deshalb:

Genetische Variation entsteht nicht zielgerichtet. Natürliche Selektion ist hingegen nicht beliebig.

Wenn eine Variante unter bestimmten Umweltbedingungen dauerhaft zu mehr erfolgreichen Nachkommen führt, steigt ihre Häufigkeit tendenziell an.

Aus winzigen Veränderungen können über Millionen Generationen Strukturen hervorgehen, die im fertigen Zustand geradezu konstruiert wirken.

Nektar als evolutionärer Tauschhandel

Mit der großen Ausbreitung der Angiospermen, also der Blütenpflanzen, wurden diese Beziehungen immer ausgefeilter. Die frühesten eindeutigen Angiospermenfossilien sind ungefähr 130 Millionen Jahre alt. Danach diversifizierten sich Blütenpflanzen während der Kreidezeit rasant. [2]

Blüten konnten nun mehrere Signale miteinander verbinden: Farbe, Duft, Form und Nahrung.

Eine besonders wichtige Belohnung ist Nektar. Dabei handelt es sich um eine zuckerreiche Flüssigkeit, die Pflanzen produzieren und Bestäubern anbieten können.

Für ein fliegendes Insekt ist Zucker kostbar. Flug benötigt enorm viel Energie.

Die Pflanze investiert also einen Teil ihrer Energie in Nektar. Ein Tier kommt zum Fressen, berührt dabei die Fortpflanzungsstrukturen und transportiert Pollen weiter.

Beide Seiten können davon profitieren.

Wenn zwei Arten über sehr lange Zeit gegenseitig ihren Selektionsdruck beeinflussen, spricht man von Koevolution.

Eine Blüte kann beispielsweise eine Form entwickeln, durch die ein bestimmter Bestäuber besonders zuverlässig mit Pollen in Kontakt kommt. Gleichzeitig können Tiere mit einem geeigneteren Mundwerkzeug besser an den Nektar gelangen.

Blüten und Bestäuber verändern sich dadurch nicht bewusst füreinander. Aber jede Generation verändert die Bedingungen, unter denen die nächste ausgesiebt wird.

Selbst das Farbsignal einer Blüte ist nicht unbedingt für unsere Augen gemacht. Bienen können ultraviolettes Licht wahrnehmen. Manche Blüten zeigen im UV-Bereich deutliche Muster und Kontraste, die wir ohne technische Hilfsmittel überhaupt nicht sehen.

Eine Blume kann für eine Biene daher visuell anders aussehen als für uns.

Aus wespenartigen Jägern wurden Bienen

Die Biene war nicht von Anfang an Teil dieses Systems.

Bienen gehören zu den Hymenoptera, den Hautflüglern. Zu dieser gewaltigen Insektengruppe zählen auch Wespen und Ameisen.

Ihre evolutionären Vorfahren waren wespenartige, räuberisch lebende Tiere.

Der entscheidende Wandel erfolgte während der Kreidezeit. Innerhalb einer Linie räuberischer apoider Wespen wurde die Versorgung der Nachkommen zunehmend von tierischer Beute auf Pollen und andere Blütenressourcen umgestellt. Bienen entstanden also aus einer Abstammungslinie fleischfressender Jäger. Moderne phylogenetische Untersuchungen datieren ihren Ursprung ungefähr in die frühe Kreidezeit, grob vor rund 120 bis 130 Millionen Jahren. [3]

Aus Jägern wurden gewissermaßen Pflanzenkost-Spezialisten.

Dazu passten sich auch ihre Körper an. Viele Bienen besitzen stark verzweigte Körperhaare, an denen Pollenkörner hervorragend haften können. Bei verschiedenen Gruppen entstanden zusätzlich spezialisierte Strukturen zum Pollentransport.

Heute sind mehr als 20.000 Bienenarten bekannt.

Die Westliche Honigbiene, Apis mellifera, ist nur eine davon.

Sie besitzt jedoch eine Besonderheit, die für unsere Honiggeschichte entscheidend ist: Sie lebt nicht allein.

Das Bienenvolk als Superorganismus

Ein Honigbienenvolk besteht im Sommer aus vielen tausend Individuen und zeigt eine so ausgeprägte Arbeitsteilung, dass Biologen es häufig als Superorganismus beschreiben.

Keine einzelne Biene erledigt alles, was für das Überleben notwendig ist. Aufgaben sind auf unterschiedliche Tiere und Lebensphasen verteilt.

Königin, Arbeiterinnen und Drohnen

Die Königin ist keine Regentin, die Befehle erteilt. Ihr Name verleitet zu einer falschen Vorstellung.

Ihre wichtigste Funktion ist die Fortpflanzung. In der Hochsaison kann eine leistungsfähige Königin mehr als 2.000 Eier an einem Tag legen. Königinnen können mehrere Jahre leben, während Sommerarbeiterinnen häufig nur einige Wochen alt werden. Die langlebigeren Winterbienen können dagegen mehrere Monate überstehen. [4]

Die Arbeiterinnen sind ebenfalls weiblich. Sie übernehmen nahezu den gesamten Betrieb des Volkes: Reinigung, Brutpflege, Wabenbau, Temperaturregulation, Verteidigung, Nahrungssuche und Honigverarbeitung.

Die Drohnen sind männlich. Ihre zentrale biologische Aufgabe ist die Paarung mit jungen Königinnen.

Bemerkenswert ist, dass Arbeiterin und Königin grundsätzlich aus befruchteten weiblichen Eiern hervorgehen. Besonders die Ernährung während der Larvenentwicklung entscheidet darüber, welchen Entwicklungsweg ein weibliches Tier einschlägt. Königinnenlarven werden intensiv mit Gelee Royale versorgt und entwickeln sich dadurch physiologisch völlig anders als Arbeiterinnen. [4]

Warum eine Arbeiterin nach dem Stich sterben kann

Auch der Stachel erzählt eine Evolutionsgeschichte.

Der Stechapparat der Bienen und anderer stechender Hautflügler entwickelte sich aus einem Ovipositor, einem ursprünglichen Eiablageorgan. Das erklärt eine Besonderheit unmittelbar: Männliche Drohnen können nicht stechen. Ein männliches Tier besitzt keinen solchen umgewandelten weiblichen Eiablageapparat. [5]

Bei Arbeiterinnen von Apis mellifera besitzt der Stachel Widerhaken. Dringt er in die elastische Haut eines Säugetiers ein, kann er dort hängen bleiben. Fliegt die Arbeiterin anschließend davon, werden Stachel und umliegende Strukturen aus ihrem Körper gerissen. Die Biene stirbt daraufhin. [5]

Für das einzelne Tier ist das verheerend. Für ein hochgradig verwandtes Bienenvolk kann selbstaufopfernde Verteidigung evolutionär trotzdem sinnvoll sein.

Eine Arbeiterin pflanzt sich normalerweise nicht selbst fort. Verteidigt sie durch ihren Tod Königin, Brut, Nahrungsvorräte und tausende verwandte Tiere, können die Gene hinter diesem Verhalten dennoch profitieren. Dieses Prinzip nennt man Verwandtenselektion.

Der Schwänzeltanz: eine Adresse ohne Karte

Eine einzelne Sammlerin findet einen ergiebigen Lindenbestand einige hundert Meter vom Stock entfernt.

Nun wäre es ineffizient, wenn jede weitere Biene denselben Ort zufällig wiederfinden müsste.

Honigbienen besitzen dafür eine bemerkenswerte Lösung: den Schwänzeltanz.

Zurück im dunklen Stock bewegt sich die Sammlerin in einem charakteristischen Muster über die senkrechte Wabe. Den wichtigsten Teil bildet der sogenannte Schwänzellauf. Währenddessen bewegt und vibriert sie ihren Hinterleib.

Die Richtung dieses Laufs enthält räumliche Information.

Die Senkrechte auf der Wabe wird als Bezugssystem für die Position der Sonne verwendet. Ein Schwänzellauf gerade nach oben bedeutet vereinfacht: Die Futterquelle liegt in Richtung der Sonne. Ein entsprechender Winkel nach links oder rechts übersetzt sich in denselben Winkel relativ zur Sonnenrichtung außerhalb des Stocks.

Auch die Entfernung wird übertragen. Je weiter die Futterquelle entfernt liegt, desto länger fällt im Allgemeinen die Schwänzelphase aus. Die Entfernungsschätzung hängt unter anderem mit dem optischen Bewegungsmuster zusammen, das die Biene während des Fluges wahrnimmt. [6]

Die Biene kommuniziert also keine genaue GPS-Koordinate, aber eine erstaunlich brauchbare Kombination aus Richtung und Distanz.

Die Sonne bewegt sich während des Tages am Himmel. Honigbienen können dies durch ihre innere Uhr berücksichtigen und außerdem Informationen aus polarisiertem Himmelslicht nutzen.

Hinzu kommen Geruch und die Qualität der Futterquelle. Eine besonders ergiebige Quelle kann zu stärkerer Rekrutierung führen, während mitgebrachte Pflanzengerüche den Folgebienen zusätzliche Hinweise geben.

Der Tanz sagt sinngemäß:

„Fliegt in diese Richtung, ungefähr so weit, und dort lohnt es sich.“

Bildposition 3: Schema des Schwänzeltanzes. Alt-Text: „Schwänzeltanz der Honigbiene: Winkel des Tanzes zeigt die Richtung zur Futterquelle relativ zur Sonne.“

Damit erklärt sich zugleich ein Begriff, der in der Imkerei ständig auftaucht: Tracht.

Eine Tracht ist das Nahrungsangebot, das Bienen in einem Gebiet und Zeitraum nutzen können. Das kann Nektar, Pollen oder Honigtau sein.

Blühen große Robinienbestände, kann eine Robinientracht entstehen. Produzieren Bäume eines Waldes große Mengen Honigtau, gibt es eine Wald- oder Tannentracht.

Der Begriff Wanderimkerei beschreibt entsprechend das gezielte Verbringen von Bienenvölkern zu geeigneten Trachtgebieten.

Der Imker kann die Bienen allerdings nur an den gedeckten Tisch stellen. Er kann ihnen nicht vorschreiben, welchen Teller sie wählen.

Nektar, Pollen und Bienenbrot

An dieser Stelle lohnt sich eine klare Trennung der beiden wichtigsten Sammelgüter einer Blüte.

Nektar ist zuckerreich und dient den Bienen vor allem als Energiequelle.

Pollen ist wesentlich eiweißreicher und liefert unter anderem Aminosäuren, Fette und Mineralstoffe.

Die farbigen Klümpchen, die man häufig an den Hinterbeinen einer Biene sieht, sind zusammengepackte Pollenladungen in der sogenannten Corbicula, dem Pollenkörbchen.

Bildposition 4: Honigbiene mit gut sichtbaren Pollenhöschen. Alt-Text: „Honigbiene mit gefüllten Pollenkörbchen an den Hinterbeinen.“

Pollen wird nicht einfach zu Honig verarbeitet.

Das Bienenvolk macht daraus etwas anderes.

Perga: fermentierter Pollen als Bienenbrot

Zurück im Stock wird Pollen in Wabenzellen eingelagert, verdichtet und mit Nektar, Honig sowie bieneneigenen Sekreten vermischt.

Anschließend finden mikrobielle und enzymatische Veränderungen statt. Dieses verarbeitete und fermentierte Pollengemisch wird Bienenbrot oder Perga genannt. [7]

Der Name ist treffender, als er zunächst klingt.

Für das Bienenvolk stellt Perga einen wichtigen Protein- und Nährstoffvorrat dar, während Honig hauptsächlich als energiereicher Kohlenhydratspeicher dient.

Vereinfacht könnte man deshalb sagen:

Honig ist der Treibstoffspeicher. Perga ist das Baustofflager.

Die genaue Zusammensetzung von Bienenbrot hängt stark davon ab, welche Pflanzen die Bienen besucht haben. Es enthält unter anderem Proteine, Aminosäuren, Fettsäuren, Zucker, Mineralstoffe und verschiedene Pflanzenstoffe. [7]

Dass Bienenbrot heute auch als Lebensmittel für Menschen verkauft wird, ist deshalb nachvollziehbar. Große medizinische Heilsversprechen sollte man daraus allerdings nicht ableiten. Viele der beschriebenen biologischen Effekte stammen aus Labor- oder Tierexperimenten, während hochwertige klinische Humanstudien deutlich dünner gesät sind.

Wie aus Nektar Honig wird

Nun erreichen wir endlich das Produkt, um das sich diese ganze Geschichte rankt.

Die Sammelbiene saugt Nektar mit ihrem Rüssel auf. Er gelangt in eine spezielle Speicherstruktur, die Honigblase oder umgangssprachlich Honigmagen genannt wird.

Schon während des Sammelns und Transports beginnt die chemische Verarbeitung.

Bieneneigene Enzyme verändern das Zuckerspektrum. Besonders bekannt ist die Invertase, die Saccharose in Glucose und Fructose zerlegen kann.

Zurück im Stock wird das Sammelgut weiterverarbeitet und in die Waben eingetragen.

Doch frischer Nektar besitzt einen Nachteil: Er enthält viel Wasser.

Eine wasserreiche Zuckerlösung wäre als monatelanger Vorrat ungeeignet. Hefen und andere Mikroorganismen könnten sie leichter nutzen, und das Material könnte gären.

Die Bienen müssen den Nektar deshalb konzentrieren.

Sie verteilen das Sammelgut in Wabenzellen und erzeugen unter anderem durch Flügelschlagen Luftströmungen. Wasser verdunstet. Die Zuckerkonzentration steigt.

Aus einer dünnen Pflanzenflüssigkeit wird nach und nach der zähflüssige Stoff, den wir Honig nennen.

Die deutsche Honigverordnung beschreibt diesen Vorgang erstaunlich präzise: Bienen nehmen Nektar, Pflanzensekrete oder Ausscheidungen pflanzensaugender Insekten auf, kombinieren sie mit eigenen Stoffen, verändern sie, lagern sie ein, entziehen Wasser und lassen das Material in den Waben reifen. [8]

Normaler Honig darf nach der Honigverordnung grundsätzlich höchstens 20 Prozent Wasser enthalten, abgesehen von bestimmten Ausnahmen. [8]

Ist der Vorrat ausreichend gereift, verschließen die Arbeiterinnen die Wabenzelle mit einer dünnen Wachsschicht.

Dieser Vorgang heißt Verdeckeln.

Bildposition 5: Nahaufnahme verdeckelter und offener Honigwaben. Alt-Text: „Verdeckelte und offene Honigzellen einer Wabe mit gereiftem Honig.“

Honig ist der Winterakku des Volkes

Bienen produzieren Honig nicht für den Menschen.

Er ist ihr eigener Langzeit-Energiespeicher.

Ein Honigbienenvolk in gemäßigten Regionen muss lange Perioden überstehen, in denen draußen kaum Nektar vorhanden ist.

Die Bienen halten dabei keinen klassischen Winterschlaf. Sie bilden eine Wintertraube und erzeugen durch Muskelaktivität Wärme.

Das kostet Energie.

Der zuvor angelegte Honigvorrat ermöglicht dem Volk, Monate zu überstehen, in denen die Landschaft kaum neue Nahrung liefert.

Die energetische Kette reicht erstaunlich weit zurück:

Sonnenlicht → Photosynthese → Pflanzenzucker → Nektar → Honigbiene → Honig → Muskelarbeit und Wärme im Bienenvolk.

Honig ist damit tatsächlich eine Art konservierte Sonnenenergie, allerdings nach einem beträchtlichen biologischen Umweg.

Und nicht jeder Honig beginnt dabei mit Nektar.

Der zweite Weg zum Honig: Honigtau

Für Wald- und Tannenhonig müssen wir die Blüte verlassen.

Bäume und andere Pflanzen transportieren Zucker durch ihren Körper. Ein wichtiger Transportweg ist das Phloem, ein pflanzliches Leitgewebe, über das unter anderem Produkte der Photosynthese verteilt werden.

Dieser Pflanzensaft ist nicht dasselbe wie Nektar.

Nun kommen pflanzensaftsaugende Insekten ins Spiel.

Blattläuse und verwandte Hemiptera stechen pflanzliches Gewebe mit ihren Mundwerkzeugen an und ernähren sich von diesen Säften.

Das Verhältnis der darin enthaltenen Nährstoffe passt allerdings nicht perfekt zu ihren Bedürfnissen. Um genügend bestimmte Nährstoffe aufzunehmen, müssen sie große Mengen Pflanzensaft verarbeiten. Einen erheblichen Teil der überschüssigen Kohlenhydrate scheiden sie anschließend wieder aus.

Diese zuckerreiche Ausscheidung heißt Honigtau.

Damit entstehen zwei grundsätzlich unterschiedliche Wege:

BlütenhonigHonigtauhonig
Pflanze → Blüte → Nektar → Biene → HonigPflanze → Pflanzensaft → Pflanzenlaus → Honigtau → Biene → Honig

Die Biene kann Honigtautropfen auf Nadeln, Blättern, Zweigen und anderen Pflanzenoberflächen aufnehmen. Im Stock wird das Material anschließend ähnlich wie Nektar verarbeitet, konzentriert und gelagert.

Genau deshalb unterscheidet auch die deutsche Honigverordnung zwischen Blüten- beziehungsweise Nektarhonig und Honigtauhonig. [8]

Fun Fact: Ameisen können Honigtau regelrecht erbetteln

An diesem Punkt bekommt die Geschichte einen beinahe komischen Nebendarsteller.

Einige Ameisenarten pflegen enge Beziehungen zu Blattläusen.

Die Ameise tastet beziehungsweise beklopft die Laus mit ihren Fühlern. In der Forschung wird dieses Verhalten tatsächlich als solicitation, also als Aufforderung oder Erbitten, bezeichnet.

Die Laus kann darauf reagieren, indem sie den Hinterleib anhebt und einen frischen Honigtautropfen abgibt. Die Ameise nimmt ihn unmittelbar auf. [9]

Das umgangssprachliche Bild vom „Melken der Blattläuse“ ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Noch interessanter wird der Handel dadurch, dass Ameisen solche Blattlauskolonien häufig verteidigen. Sie können Fressfeinde vertreiben und die Läuse teilweise sogar pflegen.

Das Geschäft lautet ungefähr:

Laus liefert Zucker. Ameise liefert Sicherheitsdienst.

Wenn keine Ameise wartet, können Blattläuse Honigtau dagegen einfach von sich wegschleudern. Bei betreuten Läusen wird der Tropfen gewissermaßen zur Handelsware. [9]

Bildposition 6: Ameise nimmt Honigtau direkt von einer Blattlaus auf. Alt-Text: „Ameise erhält einen Honigtautropfen von einer Blattlaus.“

Vom Honigtau zum Tannenhonig

Damit lässt sich einer der ungewöhnlichsten Honige vollständig nachvollziehen.

Bei deutschem Weißtannenhonig lautet die Kette:

Sonne → Weißtanne (Abies alba) → Pflanzensaft → Tannenhoniglaus → Honigtau → Honigbiene (Apis mellifera) → Verarbeitung im Stock → Tannenhonig.

Das Produkt der Allgäuer Wanderimkerei, das als deutscher Tannenhonig verkauft wird, wird entsprechend als Tauhonig von der Weißtanne beschrieben. Als Honigtauerzeuger nennt der Anbieter gestreifte beziehungsweise schwarze Tannenhonigläuse. [10]

Bildposition 7: Weißtannenbestand beziehungsweise Detail von Abies alba. Alt-Text: „Weißtanne Abies alba, Ausgangspunkt einer möglichen Tannenhonigtracht.“

Warum solcher Honig relativ kostspielig sein kann, wird durch diese Entstehung verständlicher.

Ein geeigneter Tannenbestand allein genügt nicht.

Die Population der Honigtauerzeuger muss passen. Die Witterung muss stimmen. Der Honigtau muss verfügbar bleiben. Und schließlich müssen die Bienen diese Quelle intensiv genug nutzen.

Eine gute Tannentracht ist deshalb weit weniger planbar, als schlicht einen Bienenstand neben eine großflächig blühende Kulturpflanze zu setzen.

Was Honigsorten wirklich bedeuten

Nach der bisherigen Reise lassen sich die Begriffe im Honigregal wesentlich sauberer auseinanderhalten.

Blütenhonig oder Nektarhonig entsteht vollständig oder überwiegend aus Pflanzennektar.

Honigtauhonig entsteht vollständig oder überwiegend aus Honigtau beziehungsweise bestimmten Sekreten lebender Pflanzenteile.

Waldhonig ist im deutschen Sprachgebrauch typischerweise Honigtauhonig aus einem Waldbestand.

Tannenhonig ist eine enger definierte Honigtautracht, beispielsweise von der Weißtanne.

Akazienhonig ist in Deutschland meist Robinienhonig. Die sogenannte Scheinakazie oder Robinie trägt den wissenschaftlichen Namen Robinia pseudoacacia.

Ist Sortenhonig wirklich zu 100 Prozent sortenrein?

Nicht im naiven Sinn des Wortes.

Bienen bekommen keinen Auftrag, nur eine einzige Pflanze anzufliegen.

Sie zeigen allerdings ein erstaunlich blütenstetes und ortsstetes Sammelverhalten. Eine Sammlerin kann während eines Ausflugs derselben Pflanzenart treu bleiben und bei weiterhin lohnender Tracht auch auf folgenden Flügen zurückkehren. Zusätzlich kann sie andere Arbeiterinnen über den Schwänzeltanz rekrutieren.

Befindet sich ein Volk mitten in einer starken Massentracht, kann dadurch ein Honig entstehen, der deutlich von einer bestimmten Quelle geprägt ist.

Aber andere Quellen verschwinden nicht magisch aus der Landschaft.

Nach Angaben des LAVES darf eine Sortenbezeichnung verwendet werden, wenn der Honig vollständig oder überwiegend aus der genannten Trachtquelle stammt. Das Landesamt nennt dabei mindestens 60 Prozent und verlangt zusätzlich, dass Sensorik sowie mikroskopische und chemisch-physikalische Merkmale zur Sorte passen. [11]

„Tannenhonig“ bedeutet deshalb nicht:

Jedes Zuckermolekül stammt garantiert aus einer Weißtanne.

Es bedeutet:

Die Tannentracht prägt diesen Honig so deutlich, dass seine charakteristischen Merkmale die Sortenbezeichnung rechtfertigen.

Wie lässt sich eine Honigsorte überhaupt überprüfen?

Honig trägt Hinweise auf seine Herkunft mit sich.

Dazu gehört sein Pollenspektrum. Pollenkörner unterschiedlicher Pflanzen lassen sich mikroskopisch unterscheiden und liefern einen botanischen Fingerabdruck.

Pollen allein genügt jedoch nicht immer.

Einige Pflanzen sind im Honig pollenreicher vertreten als andere. Bei Honigtauhonigen ist die Situation nochmals komplexer.

Deshalb werden für die Sortenbestimmung zusätzliche Merkmale betrachtet: elektrische Leitfähigkeit, Zuckerspektrum, Farbe, Konsistenz, Geruch und Geschmack.

Nur wenn das Gesamtbild zusammenpasst, ist die Sortenbezeichnung gerechtfertigt. [11]

Das führt zu einem wichtigen Grundsatz:

Der Standort des Bienenstocks schafft die Möglichkeit für einen Sortenhonig. Die Analyse des Honigs zeigt, was tatsächlich im Glas gelandet ist.

Flüssig, kristallisiert oder cremig

Eine weitere häufige Verwechslung betrifft die Konsistenz.

Flüssiger und cremiger Honig sind keine grundsätzlich verschiedenen Honigarten.

Honig ist eine extrem konzentrierte Zuckerlösung. Besonders Glucose kann mit der Zeit auskristallisieren.

Bei unkontrollierter natürlicher Kristallisation können vergleichsweise große Kristalle entstehen. Der Honig wird dann körnig oder sehr fest.

Beim Cremigrühren wird die Kristallisation so gelenkt, dass sehr viele kleine Kristalle entstehen. Der Honig bekommt dadurch eine gleichmäßige, streichfähige Textur.

Die wesentlichen Inhaltsstoffe sind deshalb nicht plötzlich andere.

„Flüssig“ und „cremig“ beschreiben in erster Linie unterschiedliche Kristallisationszustände.

Auch die Honigsorte beeinflusst das Verhalten. Robinienhonig enthält typischerweise verhältnismäßig viel Fructose und bleibt deshalb besonders lange flüssig. Andere Honige kristallisieren erheblich schneller. [11]

Rohhonig ist wieder eine andere Kategorie

„Rohhonig“ beschreibt dagegen keine botanische Herkunft.

Der Ausdruck wird meist für möglichst naturbelassenen und nur wenig erwärmten Honig verwendet. Die deutsche Honigverordnung kennt ihn nicht als eigene grundlegende Herkunftskategorie.

Damit lassen sich mehrere häufig vermengte Ebenen trennen:

BegriffWas wird beschrieben?
Nektarhonig / Honigtauhonigbiologische Quelle
Robinie / Linde / Tannecharakteristische Tracht
flüssig / cremigKristallisationszustand
naturbelassen / „roh“Verarbeitung
Honig mit Zimt / Vanille / HolunderHonigzubereitung mit weiteren Zutaten

Wenn nach dem Honig noch etwas dazukommt

Damit kommen wir zu Produkten wie Zimt-, Vanille- oder Holunderhonig.

Sensorisch können sie beinahe wie eine dritte Honigkategorie wirken, biologisch sind sie das aber nicht.

Beim Honig mit Zimt der Allgäuer Wanderimkerei besteht die aktuelle Rezeptur beispielsweise aus 98 Prozent Honig und 2 Prozent Ceylon-Zimt. Der Anbieter beschreibt das Produkt als feincremig. [12]

Beim Vanilleprodukt sind es 98,5 Prozent Honig und 1,5 Prozent gemahlene Bourbon-Vanille. Die lebensmittelrechtliche Bezeichnung lautet dort ausdrücklich „Zubereitung aus Honig und Bourbon-Vanille“. [12]

Beim Holunderprodukt sind es 95 Prozent deutscher Honig und 5 Prozent Holunder. [12]

Das erklärt auch das andere Mundgefühl.

In einem normalen cremigen Honig bestimmen vor allem sehr kleine Zuckerkristalle die Textur. Bei Zimt- oder Vanillehonig kommen zusätzlich fein verteilte Pflanzenbestandteile hinzu. Farbe und Konsistenz können dadurch deutlich dunkler, dichter und aufstrichartiger werden.

Ein „Honig mit Holunder“ ist außerdem nicht automatisch ein Holunder-Sortenhonig.

Der Unterschied lautet:

Lindenhonig: Die Bienen haben eine ausgeprägte Lindentracht gesammelt.

Tannenhonig: Die Bienen haben charakteristischen Honigtau einer Tannentracht gesammelt.

Honig mit Zimt: Zimt wurde anschließend mit fertigem Honig kombiniert.

Das Etikett und insbesondere die Zutatenliste erzählen deshalb einen wichtigen Teil der Geschichte.

Honig mit Bienenbrot verbindet zwei Vorratssysteme

Besonders interessant ist die Kombination von Honig und Perga.

Das aktuelle APOLLO-Produkt der Allgäuer Wanderimkerei enthält 70 Prozent Honig und 30 Prozent Perga. Der Honig stammt laut Anbieter aus Deutschland, das Bienenbrot aus Litauen. [12]

Biologisch führt dieses Produkt zwei Speicherformen des Bienenvolks wieder zusammen:

Honig als energiereicher Kohlenhydratspeicher und Perga als fermentierter Pollenvorrat.

Das macht die Mischung ernährungswissenschaftlich spannender als bloß aromatisierten Honig. Sie bleibt trotzdem ein Lebensmittel und keine Arznei.

Evolution findet nicht nur in der Vergangenheit statt

Nach Geschichten über hunderte Millionen Jahre kann Evolution leicht wie eine abgeschlossene Vorgeschichte wirken.

Sie läuft jedoch in jeder Generation weiter.

DNA wird kopiert. Gene werden rekombiniert. Mutationen entstehen.

Die allermeisten neuen Veränderungen werden wir niemals bemerken. Viele sind neutral. Manche sind nachteilig. Unter bestimmten Bedingungen können einzelne Veränderungen vorteilhaft sein.

2026 erschien ausgerechnet an Honigbienen eine bemerkenswerte Arbeit, mit der sich dieser Prozess ungewöhnlich direkt verfolgen ließ. [13]

Eine neue Mutation vor unseren Augen

Forscher untersuchten eine spontan entstandene Mutation bei Apis mellifera, die die Augenpigmentierung männlicher Drohnen veränderte.

Das Geschlechtssystem der Honigbienen macht solche Veränderungen besonders interessant.

Weibliche Tiere entstehen normalerweise aus befruchteten Eiern und besitzen zwei Chromosomensätze. Männliche Drohnen entstehen aus unbefruchteten Eiern und sind haploid, besitzen also nur einen Chromosomensatz.

Eine nachteilige rezessive Mutation kann sich beim Männchen deshalb nicht hinter einer zweiten, gesunden Genkopie verstecken.

Die Forscher konnten den Weg dieser Mutation von ihrem Ursprung in einer einzelnen Königin bis zu ihrem späteren Verschwinden verfolgen. Damit ließ sich negative beziehungsweise reinigende Selektion nahezu in Echtzeit beobachten. [13]

Das ist Evolution ohne Fossilien.

Eine Veränderung entsteht.

Sie wird vererbt.

Sie beeinflusst die Tiere, die sie tragen.

Und sie kann anschließend wieder aus der Population verschwinden.

Zufall allein erklärt Evolution nicht

Damit kehren wir zum Anfang unserer Geschichte zurück.

Die Behauptung „Evolution ist Zufall“ ist zu grob.

Besser ist:

Mutationen und Rekombination erzeugen Variation, ohne zu wissen, welche Variante später nützlich sein wird. Natürliche Selektion wirkt anschließend auf diese Unterschiede.

Dazu kommen weitere Prozesse wie genetische Drift und Genfluss.

Keine einzelne Mutation erschuf plötzlich eine moderne Honigbiene.

Ein ursprünglicher Hautflügler wachte nicht eines Morgens mit Pollenkörbchen, Honigmagen, Schwänzeltanz und einem perfekt organisierten Sozialstaat auf.

Evolution arbeitet mit vorhandenen Strukturen.

Sie verändert sie.

Ein Eiablageorgan wird zum Stachel.

Eine räuberische Wespenlinie beginnt, Pollen statt Beute für ihre Nachkommen einzutragen.

Ein Insekt besucht eine Pflanze ursprünglich wegen Nahrung und wird nebenbei zum Pollentransporter.

Aus immer feineren Anpassungen entstehen Systeme, die im fertigen Zustand geplant wirken.

Wir sehen heute Schloss und Schlüssel.

Wir sehen nur selten die Millionen Generationen, in denen beide allmählich ihre Form bekamen.

Vom Sonnenlicht bis ins Honigglas

Jetzt lässt sich ein Glas Honig von Anfang bis Ende lesen.

Bei einem Robinienhonig beginnt die Geschichte mit der Energie der Sonne.

Die Robinie Robinia pseudoacacia betreibt Photosynthese und produziert Zucker. Während der Blüte stellt sie Nektar bereit.

Eine Honigbiene findet die Blüten.

Sie sammelt Nektar und trägt gleichzeitig Pollen weiter.

Zurück im Stock kann sie über den Schwänzeltanz weitere Arbeiterinnen rekrutieren.

Der Nektar wird enzymatisch verändert, konzentriert und in Waben gelagert.

Aus einer vergänglichen Pflanzenflüssigkeit wird ein haltbarer Wintervorrat.

Der Imker entnimmt schließlich einen Teil davon, schleudert ihn aus den Waben und füllt ihn ab.

Beim Tannenhonig wird dieselbe Geschichte verschlungener.

Die Weißtanne Abies alba produziert Zucker.

Eine Pflanzenlaus zapft ihren Saft an.

Sie scheidet überschüssige Kohlenhydrate als Honigtau aus.

Vielleicht kommt zunächst eine Ameise vorbei, beklopft die Laus mit ihren Fühlern und erbettelt sich einen frischen Tropfen.

Vielleicht landet der Honigtau auf einer Nadel.

Eine Honigbiene findet ihn und trägt ihn in den Stock.

Dort wird auch dieser Rohstoff verändert, entwässert und eingelagert.

Aus Sonnenenergie, Baumstoffwechsel und der Ausscheidung eines winzigen Insekts entsteht schließlich einer der teuersten und charaktervollsten Honige im Regal.

Das klingt ein wenig nach naturkundlicher Räuberpistole.

Es ist schlicht die Entstehungsgeschichte von Tannenhonig.

Schluss: Ein Glas voller Evolution

Betrachtet man Honig nur auf der Nährwerttabelle, sieht man hauptsächlich Kohlenhydrate.

Betrachtet man ihn biologisch, steckt darin eine erheblich längere Geschichte.

Pflanzen mussten Möglichkeiten finden, Pollen und Samen zu bewegen, obwohl sie selbst ortsgebunden sind. Insekten begannen, ihre Fortpflanzungsstrukturen als Nahrungsquelle zu nutzen. Aus zufälligem Pollentransport entstanden immer engere Beziehungen zwischen Pflanzen und Bestäubern.

Blütenpflanzen diversifizierten sich.

Aus räuberischen wespenartigen Vorfahren gingen Bienen hervor.

Einige Bienen entwickelten hochkomplexe soziale Völker.

Pollen wurde zu Bienenbrot.

Nektar wurde zu Blütenhonig.

Pflanzensaft wurde über Läuse zu Honigtau und schließlich zu Wald- oder Tannenhonig.

Und noch heute entstehen Mutationen, an denen wir beobachten können, wie derselbe Evolutionsprozess weiterläuft.

Das Glas auf dem Frühstückstisch ist deshalb nur der letzte Schritt einer langen Kette.

Ein Löffel Honig ist Pflanzenzucker, verarbeitet von einem Insektenstaat. Zugleich ist er das Endstück einer Geschichte aus Sonnenlicht, Fortpflanzung, Mutation, Selektion, Kommunikation, Blüten, Läusen und bemerkenswert viel Zeit.

Quellen und weiterführende Literatur

[1] Samenverbreitung: Backlund & Soler, Seeds as space-time travelers sowie Ruxton et al., The conservation physiology of seed dispersal. Überblick zu Wind-, Wasser- und Tiertransport und zur Bedeutung der Samenverbreitung für Pflanzenpopulationen.

[2] Evolution der Bestäubung: Toledo et al., Evolution of Insect Pollination Before Angiosperms and Lessons for Modern Ecosystems sowie Peris et al. zur Bestäubung vor und während des Aufstiegs der Angiospermen. Fossile Evidenz zeigt Insekten-Pflanzen-Beziehungen deutlich vor der Dominanz moderner Blütenpflanzen.

[3] Ursprung der Bienen: Sann et al. sowie weitere phylogenetische Arbeiten zur Abstammung der Bienen aus räuberischen apoiden Wespen und zum Übergang zur Pollenversorgung der Brut.

[4] Königin, Geschlechter und Entwicklung: Penn State Extension, An Introduction to Queen Honey Bee Development und Beekeeping Basics. Informationen zu befruchteten und unbefruchteten Eiern, Königinnenentwicklung, Gelee Royale, Legeleistung und Lebensdauer.

[5] Evolution und Funktion des Stachels: Smithsonian Institution zur Herkunft des Stachels aus dem Ovipositor sowie University of Minnesota Extension zum widerhakigen Stachel der Honigbiene.

[6] Schwänzeltanz und Navigation: Aktuelle Übersichtsarbeit zu Richtungs- und Distanzinformation, Sonnenkompass, Polarisation und optischem Fluss bei Honigbienen.

[7] Bienenbrot / Perga: Mărgăoan et al., Bee Bread as a Promising Source of Bioactive Molecules and Functional Properties. Überblick zu Herstellung, Fermentation, Zusammensetzung und Forschungsstand.

[8] Gesetzliche Definition von Honig: Deutsche Honigverordnung. Definitionen von Nektarhonig, Honigtauhonig, Wabenhonig und weiteren Honigarten sowie Anforderungen an Zusammensetzung und Wassergehalt.

[9] Ameisen und Blattläuse: Forschung zu trophobiotischen Ameisen-Blattlaus-Beziehungen. Antennales „solicitation“-Verhalten kann Blattläuse dazu veranlassen, ihren Hinterleib anzuheben und Honigtau abzugeben; Ameisen bieten im Gegenzug unter anderem Schutz.

[10] Produktbeispiel Tannenhonig: Allgäuer Wanderimkerei, Deutscher Tannenhonig. Angaben des Herstellers zu Weißtanne, Tannenhonigläusen, Herkunft und Produktcharakter.

[11] Sortenhonig und Herkunftsbestimmung: LAVES, Institut für Bienenkunde Celle, Was ist ein Sortenhonig?. Pollenspektrum, elektrische Leitfähigkeit, Zuckerspektrum, Sensorik und Mindestanteil der Trachtquelle.

[12] Honigzubereitungen als Produktbeispiele: Allgäuer Wanderimkerei, aktuelle Produktdeklarationen für Honig mit Ceylon-Zimt, Bourbon-Vanille, Holunder und APOLLO Honig mit Perga.

[13] Evolution in Echtzeit: Shultz et al., 2026, The life history of recessive deleterious alleles as seen through the eyes of a honey bee (Apis mellifera). Dokumentation einer spontan entstandenen Augenpigment-Mutation von ihrem Ursprung in einer Königin bis zu ihrem Verschwinden aus der Population.